Es war einmal eine wunderschöne Blumenwiese. Auf dieser blühten die verschiedensten Blumenarten. Es war Platz genug für alle Pflanzen und jede davon bekam genügend Sonne, Wasser und fruchtbare Erde ab. Je nach Monat wechselten sich die Farben auf der Wiese ab. Im Frühjahr erwachten als erstes die zarten Schneeglöckchen, dicht gefolgt von den Krokussen, den Märzenbechern und den Narzissen. Später, ab Juni ca., erspähten die Blüten des Baldrians, Borretsch, des Klees und auch des Löwenzahns das Licht der Welt. Im Herbst zeigte die Natur seine Vergänglichkeit und färbte die Wiese in warme Herbsttöne. Nun war auch die Zeit der Sonnenblumen, der Königin aller Blüten, gekommen.

DAS WETTRENNEN BEGINNT

Als die Saison der Sonnenblumen langsam begann und sich die ersten zarten Stängel bildeten, war eine dabei, welche durch das schnelle Wachstum der anderen nicht genügend wertvolles Sonnenlicht abbekam und dementsprechend langsam wuchs. So sehr sie sich auch bemühte, sie konnte einfach nicht mit den anderen mithalten. Ihre Geschwister lachten und scherzten um die Wette, wer wohl als erstes seine Knospe öffnen und die größte Blüte bilden würde. Die kleine Sonnenblume versuchte weiterhin Schritt zu halten und wurde von den anderen gehänselt und ausgelacht. Sie war sehr traurig darüber, musste ihre Kräfte jedoch für die Sommergewitter und die immer kälter werdenden Nächte, welche es zu überleben galt, sparen. Doch sie gab die Hoffnung nicht auf.

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DIE HOFFNUNG STIRBT ZULETZT

Tage vergingen und die kleine Sonnenblume musste zusehen, wie sich bei den anderen schon die ersten, großen Knospen bildeten, welche starke und wunderschöne Blüten versprachen. Auch bei ihr hatte sich ein Ansatz einer Knospe gebildet, diese war nur lange nicht so kräftig gebaut wie die der anderen. Dann kam der Tag, an dem sich die ersten Knospen der anderen öffneten und eine war prachtvoller als die andere. Die ersten Schmetterlinge, Hummeln und Bienen ließen sich vergnügt auf den ergiebigen Blüten der anderen Sonnenblumen nieder, kitzelten diese mit ihren winzigen Beinchen und Rüsselchen und labten sich an dem süßen Nektar. Die kleine Sonnenblume war zwar gewachsen, jedoch war noch keine Blüte in Sicht und sie wurde immer trauriger, als sie, Tag ein – Tag aus, dem Gelächter und den fröhlichen Stimmen der anderen zuhörte. Eines Tages begann es dicke Tropfen zu regnen und ein Sommergewitter kündigte sich an. Die Luft war schwer und voller Feuchtigkeit. Für die Insekten auf der Wiese hieß es nun so schnell wie möglich Schutz vor dem nahenden Unwetter zu finden, bevor es ihnen zum Verhängnis werden würde.

PLÖTZLICHER BESUCH

Die kleine Sonnenblume beobachtete das hektische Treiben weiter oben gespannt und war so versunken in das Summen und Schwirren der Insekten, dass sie prompt erschrak, als eine Biene mit einem lauten „Plumps“ auf ihr landete. „Hallo! Kannst du mich in deine Knospe kriechen lassen, damit ich nicht von den schweren Regentropfen getroffen werde?“ keuchte die Biene ganz außer Atem. Die kleine Sonnenblume hatte sich von ihrem ersten Schrecken erholt und sagte: „Klar, komm schnell herein!“. Sie hatte noch nie Besuch und war auf einmal sehr aufgeregt. Die Biene schlüpfte zwischen den noch geschlossenen Blütenblättern hindurch ins Innere und schnaufte schwer. Als sie sich von ihrer schweren Landung wieder gefangen hat, wurde sie neugierig. „Was machst du denn so ganz alleine hier unten? Die anderen haben alle schon Blüten und strahlen mit der Sonne um die Wette. Warum du nicht? Wartest du auf etwas Bestimmtes?“ fragte die Biene. Die kleine Sonnenblume zögerte zunächst mit der Antwort, weil sie sich schämte so klein und schwach zu sein. Doch sie nahm sich ein Herz, was hatte sie schon zu verlieren, und antwortete leise: „Ach weißt du… Ich bin einfach nicht so stark wie die anderen. Deswegen bin ich noch so klein und habe noch keine Blüte. Ich bin mir mittlerweile nicht einmal mehr sicher, ob ich überhaupt eine bekommen werde.“ Die kleine Sonnenblume stieß einen traurigen Seufzer aus und die Biene hatte Mitleid mit ihr. „Ich bin sicher, dass du einfach nur ein wenig länger Zeit benötigst. Dafür wirst du die schönste und größte aller Blüten haben!“ versuchte die Biene die kleine Sonnenblume aufzuheitern. „Meinst du?“ fragte die kleine Sonnenblume. „Aber sicher doch! Bei uns im Stock heißt es auch immer: Gut Ding will Weile haben!“ versicherte ihr die Biene aufmunternd. „Ich komme dich ab jetzt jeden Tag besuchen und erinnere dich dann an den heutigen Tag, an dem du an dir gezweifelt hast, sobald du deine Blüte geöffnet hast!“ plapperte die jetzt quietschfidele Biene weiter. Die kleine Sonnenblume wusste nicht recht, was sie glauben sollte. Konnte wirklich noch ein Wunder passieren? Sie war mittlerweile schon recht spät dran…

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DER TAG DER WAHRHEIT

Es vergingen einige Tage und Nächte und die Biene kam, wie versprochen, jeden Tag auf Besuch und erzählte der kleinen Sonnenblume von ihren abenteuerlichen Erlebnissen in der Welt da draußen. Die kleine Sonnenblume genoss die neue Abwechslung jeden Tag aufs Neue. Endlich war ihr langweiliges Dasein im Schatten der anderen vorbei und sie hatte eine neue Freundin, ihre einzige Freundin, die Biene. Es störte sie nun garnicht mehr so, dass sie kleiner war als die anderen. Nachts träumte sie von den Dingen, die ihr die Biene erzählte. Von dem weiten, schier endlosen Himmel, den Wolken, den Vögeln und den Menschen, die es da draußen gab. Sie sog jedes einzelne Wort der Biene in sich auf, wie ein Schwamm und lauschte gebannt den Geschichten, die sie jeden Tag zu hören bekam. Eines Tages erwachte die kleine Sonnenblume am Morgen, weil sie eine ungewöhnliche Wärme auf sich spürte, die sie zuvor noch nie gespürt hatte.

Als sie um sich herum sah, staunte sie nicht schlecht. Sie war höher als alle anderen und ihre Blüte warf einen gewaltigen Schatten auf die Sonennblumen unter ihr. Sie konnte es kaum glauben! Sie war tatsächlich die größte und schönste von allen geworden. Schon von weitem hörte sie die Biene, welche jauchzend auf sie zuflog und schließend staunend auf ihr landete. Ganz außer Atem begann die Biene ganz aufgeregt zu erzählen: „Ich suchte dich schon eine ganze Weile auf dem Feld, habe dich aber nicht gefunden. Weißt du warum?“ prustete die Biene. „Weil ich zu tief geflogen bin! Das ist ja der absolute Wahnsinn!“ fuhr sie ganz aufgedreht fort. „Hast du dich mal angesehen? Du bist sooo groß und deine Blüte erst! Sie ist einfach bezaubernd! Vorhin, als ich auf der Suche nach dir war, flog ich an zwei Menschenkindern vorbei und die zeigten auf etwas und meinten „Schau, die Blume da, das ist die Schönste auf der ganzen Wiese!“ Und dann sah ich dich.“ meinte die Biene mit erstickter Stimme. Tränen füllten ihre Augen, so sehr freute sich die Biene für die, nun nicht mehr kleine, Sonnenblume.

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WAHRE FREUNDSCHAFT ENDET NIE

Die kleine Sonnenblume war gerührt von der Reaktion der Biene und immer noch überwältigt von dem, was sie jetzt war. Sie wurde von den Spaziergängern bewundert, ja sogar fotografiert und von den Insekten geliebt. Auch die anderen Sonnenblumen sahen bewundernd zu ihr auf und lobten sie für ihre prächtige Blüte. Die Biene besuchte sie weiterhin jeden Tag, bis weit in den Herbst hinein, Sie genossen ihre gemeinsame Zeit, denn diese neigte sich langsam dem Ende zu – für beide Seiten. Von der besonderen Freundschaft zwischen der Biene und der Blume erzählen sich auch die Sonnenblumen der heutigen Generationen noch und ermuntern sich mit der Geschichte, niemals aufzugeben, egal wie schwierig oder aussichtlslos die Situation zu sein scheint. Mit guten Freunden an der Seite geht im Leben eben alles viel einfacher.

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Fotografen: Aleksey Patsyuk, Mammooh Kornrawee, etraveler, Simanovich Inna