Als die kleine Biene endlich groß und stark genug war, sich aus ihrer Wabenzelle zu befreien, packte sie die Gelegenheit auch gleich beim Schopf, um das Licht der Welt zu erblicken. Mühsam nagte sie sich durch den wächsernen Deckel und streckte ihre Fühler vorsichtig aus ihrer Behausung raus. Das erste, was sie zu Gesicht bekam, war eine Art Gang auf dem es sehr geschäftig zuging. Arbeiterbienen krabbelten kreuz und quer durch die Gänge, um bei den Kleinen nach dem Rechten zu sehen, diese zu füttern oder Aufgaben zu erteilen. Ein Surren und Brummen erfüllte die gesamte, recht angenehm temperierte Luft und ließ alles nochmals hektischer erscheinen. Die Biene befand, genug gesehen zu haben und kroch langsam zurück in die Wabe. Nur keine Aufmerksamkeit erregen. Als sich die kleine Biene gerade wieder in ihrer Wabe zusammenkuscheln wollte, wurde sie von einer der Arbeiterinnen entdeckt.

„Hey! Aufstehen! Genug geschlafen junge Dame!“ ertönte es am Eingang der Wabenzelle. „Es wartet bereits Arbeit auf dich! Aber als erstes räumst du dein Zimmer auf und wäschst dich! Ich bin in 5 Minuten wieder hier, dann geht’s los!“ sagte die Arbeiterdame in freundlichem aber bestimmten Ton. So ein Stress aber auch! Zimmer reinigen, waschen und das sofort, nachdem man auf die Welt kam. Wo gibt’s denn sowas!? Die kleine Biene hatte aber viel zu großen Respekt vor der Arbeiterin und machte sich deswegen sogleich an die Arbeit. Fühler waschen, Beine waschen, Wachsreste aus der Wabe entfernen, das alles war ziemlich anstrengend für jemanden, der noch nie gearbeitet hat. Völlig außer Atem kroch die Biene, sauber aus der frisch aufgeräumten Wabe raus, da kam auch schon die Biene von vorhin ums Eck gesaust. „Gut gut! Nun kannst du deinen Kolleginnen beim Schlüpfen helfen, die Jüngeren werden noch gefüttert und natürlich muss alles sauber gehalten werden!“ kommandierte sie. „Was?! Ich soll Babysitten?! Jetzt gleich!?“ fragte die verdutzte kleine Biene. „Ja natürlich jetzt gleich, was denkst du denn wofür wir geboren werden? Wir sind Arbeiterbienen und keine Faultiere!“ kicherte die Arbeiterdame. „Und jetzt ein klein wenig mehr Motivation! Das geht dein ganzes Leben so!“ versuchte die Arbeiterbiene die kleine Biene zu motivieren. „Mein Name ist übrigens Goldi und du heißt zukünftig…“ die Arbeiterin sah die kleine Biene forschend von oben bis unten an „… dein Name ist Honey“. Die kleine Biene dachte kurz nach und fragte schließlich „Warum heiße ich denn Honey…, etwa, weil ich so süß wie Honig bin oder so gut dufte wie er?“ „Nein!“ lachte Goldi sie verschmitzt an. „Eher, weil du dich so langsam bewegst wie fließender Honig! Und jetzt hopp! Die Arbeit wartet nicht.“ Goldi fing an Larven zu füttern, die Gänge zu säubern und weiteren Schwestern beim Verlassen der Wabe zu helfen und Honey half ihr wo sie nur konnte.

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So ging es ein paar Tage und Nächte lang und Honey wurde langsam etwas klar. Sie wollte das nicht. Den ganzen Tag nur schuften und nichts von der Welt sehen, die da draußen vor dem Bienenstock auf sie wartete. Es musste doch eine andere Lösung geben! Sie spürte, dass das Leben mehr für sie bereithielt, als nur das Leben einer Arbeiterbiene, die den Stock säuberte und schlabbernde Kinder fütterte. In einer lauen Sommernacht, es war schon fast dunkel und die Grillen stimmten ihr Zirpkonzert an, setzte sie sich ans Abflugloch und schaute gedankenverloren in die Ferne. Alle anderen schliefen bereits und während Honey so dasaß und in ihrer Fantasie die große weite Welt erkundete, erfasste sie ein komisches Gefühl. Es war wie ein Kribbeln in den Flügeln, eine pulsierende Neugier, die in den Adern floss. War jetzt der Moment?! Dieser eine Augenblick in dem sie unbemerkt wegfliegen konnte? Gerade noch gestern lauschte sie den Gesprächen über die Abenteuer der Flugbienen, den Stars des Stockes. Diese erkundeten die Umgebung rund um den Bienenstock, flogen teilweise kilometerweit und setzten sich allen möglichen Gefahren aus. Honey wurde es heiß und kalt, ihre Flügel zitterten und sie dachte zu spüren, wie der besondere Augenblick langsam unter ihren Beinchen zerrann.

VOLLE FAHRT VORAUS

Die Luft wehte zwischen ihren Fühlern, unter ihr ein Meer von schlafenden Blumen und tanzenden Glühwürmchen, über ihr die Sterne und der Mond. Sie hatte es getan! Sie flog! Und es war ein unbeschreibliches Gefühl. Auf einem Baum, ein paar Kilometer weit weg vom Bienenstock, legte sie eine Pause ein. Die laue Luft duftete nach Heu und Kräutern und sie fühlte sich sicher. So sicher, dass sie wenige Minuten, nachdem sie dem Zirpen der Grillen zuhörte, einschlief. Bibbernd und zitternd erwachte sie am nächsten Morgen. Im Bienenstock war es immer gleich warm, hier kühlten die Temperaturen im Laufe der Nacht ab und das bekam Honey nun am vollen Leib zu spüren. Auch ihr Magen gab bereits merkwürdige Geräusche von sich. Sie hatte Hunger. Na dann, nichts wie los zur Futtersuche. Die Blüten, die sich langsam im Sonnenlicht öffneten, dufteten köstlich und die Tautropfen versprachen auch genügend zu Trinken. Vergnügt hüpfte Honey von Blüte zu Blüte, probierte sich durch die verschiedenen Nektare und labte sich am frischen Morgentau. Sie landete gerade auf einer großen, rosafarbenen Blume, als sie unter sich einen Schatten warnahm. Erschrocken drehte sie sich um. Majestätisch und federleicht landete ein Schmetterling neben ihr. Honey fielen vor lauter staunen fast die Augen aus dem Kopf. So viele Farben. Die Haut der Flügel schimmerte leicht durch und glänzte wie Samt. Rot, schwarz und blau waren die am meist vertretenen Farben des Schmetterlings, dazwischen befanden sich noch weiße Tupfen. „Könntest du nicht ein wenig Platz machen, Biene?!“ ertönte auf einmal  eine nasale, bohrende Stimme herablassend. „Siehst du nicht, dass ich Platz brauche, sind meine Flügel etwa nicht groß und prächtig genug?! Verzieh dich!“. Honey, die bis dahin wie verzaubert von der Schönheit dieses Insektes war, rutschte verdattert von der Unfreundlichkeit des Schmetterlings, ein Stück beiseite. „Du bist sehr schön!“ sagte Honey. „Mir gefallen die Farben deiner Flügel!“. „Ich weiß, dass ich schön bin Kleine. Und jetzt flieg weg – du störst mich beim Frühstück.“ erwiderte der Schmetterlingsherr genervt. Na sowas! Wie konnte man an einem so herrlichen Morgen nur so miese Laune haben? Honey verstand die Welt nicht mehr, machte sich aber auf den Weg, um die weitere Umgebung zu erkunden. Satt war sie ja.

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DER TEICH

Immer noch dachte sie über den übelgelaunten, auch etwas eingebildeten Schmetterling nach. Wenn der Rest der Welt auch so miesepetrig drauf ist, dann gute Nacht. Honey wollte aber nicht von einer Bekanntschaft auf alle schließen und flog gut gelaunt über die  vielen, bunten Blüten in Richtung eines seltsam schimmernden Bodens. Das Sonnenlicht spiegelte sich dort aus irgendeinem Grund auf der Erde wieder und sie würde herausfinden, was das war. Als sie näher kam, erkannte sie, dass es sich bei dem Glitzer um Unmengen von Wasser handelte. Sie hatte noch nie soviel Wasser auf einem Fleck gesehen und war fasziniert vom Farbenspiel des Lichts und den Gräsern, welche sich auf der Wasseroberfläche spiegelten. Mitten auf dem großen Wasser befanden sich sogar Blumen. Weiße und gelbe, gigantische Blumen mit noch größeren Blättern schwammen inmitten des Teiches. Das wollte sich Honey näher ansehen und steuerte direkt auf eine der Blumeninseln zu. Während sie auf der Blume saß, um ein wenig zu verschnaufen und die Umgebung zu betrachten, bemerkte sie im Augenwinkel eine Bewegung. Ruckartig drehte sie sich um und sah, wie sich langsam ein Paar Augen aus dem Wasser schoben. Honey lehnte sich ein wenig vor, um das Geschehen näher betrachten zu können.

Die glubschigen Augen blinzelten sie an. „Hallo?“ sagte Honey. „Wer bist du? Möchtest du dich nicht zeigen?“ fragte sie zögernd. Da die Augen schon recht groß waren, hatte sie mächtig Respekt vor dem Rest, der sich da noch unter Wasser befinden musste und dennoch wollte sie wissen, mit wem oder was sie es hier zu tun hatte. Die Augen blinzelten sie nochmal an und verschwanden wieder unter der Wasserobefläche. Gerade als Honey wieder losfliegen wollte, ertönte ein mächtiges „Pflatsch“ hinter ihr auf einem der Blätter und sie taumelte, da die ganze Pflanzeninsel unter dem Gewicht Besuchers schwankte. Honey erschrak nicht schlecht, als sich ein grünliches, glitschiges mit Warzen übersätes Ungetüm auf dem gegenüberliegenden Blatt befand. Ein ungutes Gefühl machte sich in ihr breit noch ehe sie sich versah, schnellte etwas rosarotes, langes auf sie zu. In letzter Sekunde konnte sich Honey auf ein höher gelegenes Schilfrohr flüchten. „Sag mal spinnst du?!“ keuchte Honey. „Du hättest mich erwischen können! Ich kann doch nicht schwimmen!“. Der Frosch sah sie hungrig an und sagte: „Ach, was du nicht sagst. So ein Jammer aber auch!“. Langsam begriff Honey, dass das auch die volle Absicht ihrer neuen Bekanntschaft war. „Vielleicht ist es auch besser, dass ich dich nicht getroffen habe…“ sagte der Frosch nachdenklich während er sich mit seinem schleimigen Vorderbein über beide Augen fuhr. „Meine Frau ist letztes Jahr an einer wie dir gestorben, glaube ich.“ fuhr er fort.„Ihr habt ja diese Stechnadeln an eurem Hintern – ziemlich übertrieben für eine Fliege im Pyjama.“ quakte er weiter. Honey wusste gar nicht, was sie darauf antworten sollte, fand es aber klüger, sich nicht mehr allzulange mit Herrn Frosch zu unterhalten. Sie machte den Abflug.

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GANZ SCHÖN STÜRMISCH

Die Begegnung mit dem Frosch hing Honey immer noch in den Knochen während sie so dahinflog. Deswegen bemerkte sie nicht, wie sich ein Sommergewitter zusammenbraute. Erst als der erste, etwas heftigere Windstoß ihre Flügel erfasste und sie fast zum Absturz brachte, warf sie einen Blick Richtung Himmel. Just in diesem Moment erhellte ein gewaltiger Blitz den gesamten Horizont und Honey verlor die Orientierung. Sie plumpste grob auf den Boden, zwischen hohen Gräsern und blühendem Löwenzahn. Der stürmische Wind brauste durch das Gräsermeer und die ersten, dicken Regentropfen fielen. Als ob dies die Lage für Honey nicht schon brenzlig genug machte, bewegten sich auf einmal massenhaft riesige Hufe kreuz und quer durch das Feld. Panik erfasste Honey und sie versuchte einen Unterschlupf zu finden, um nicht zertrampelt zu werden. Schließlich entdeckte sie eine größere Pflanze, direkt an einem Holzpfahl, in welche sie sich verkriechen konnte. Ihr Herz klopfte bis zum Hals und sie zitterte am ganzen Leib. Nachdem sie wieder zu Atem kam, übermannte sie die Erschöpfung und sie fiel in einen tiefen, unruhigen Schlaf.

Sie träumte von ihren Schwestern, dem warmen Bienenstock und dem köstlichen Honig. Als sie erwachte, verblassten zwar die Bilder des Traumes, doch die Sehnsucht nach ihrem Zuhause blieb. Honey hatte Heimweh. Sie hatte genug Abenteuer erlebt und wollte zurück zu ihrer Familie. Draußen klang es so, als ob der Regen aufgehört hatte und Honey krabbelte langsam und vorsichtig zwischen den schützenden Blättern der Pflanze hervor und blinzelte in das Sonnenlicht. Nachdem sich ihre Augen an die Helligkeit gewöhnt und sie sich umgesehen hatte, stieß sie einen Jauchzer aus. Das Gewitter hatte sie Richtung Bienenstock getrieben und sie sah ihr Daheim von hier aus. Eilig machte sie sich auf den Weg zu ihren Schwestern und raste förmlich durch das Abflugloch in den Bienenstock. Dabei stieß sie mit einer anderen Biene zusammen, die sie zuerst ungläubig anstarrte. „Honey?! Bist du es wirklich?“ hauchte die Arbeiterin mit Tränen in den Augen. „Jaa, ja ich bin es!“ rief Honey. Die Biene mit der Honey zusammenstieß war ihre erste Freundin, Goldi gewesen. „Gottseidank bist du wieder da, wir dachten alle du wärst tot?! Wo warst du denn??“. Immer mehr Bienen versammelten sich rund um Honey, die aufgeregt erzählte, was sie da draußen alles erlebt hatte. Von der Begegnung mit dem Schmetterling, bis zum wunderschönen Teich und dessen gefräßigen Bewohner und über den Sturm, dem sie ganz alleine ausgesetzt gewesen war.

Honey genoss die Aufmerksamkeit der anderen und freute sich so sehr wie nie zuvor über einen warmen, sicheren Schlafplatz, leckeren Honig und die abwechslungsreiche Arbeit, welche sie im Stock verrichten durfte. Einmal Urlaub war genug für sie. Als sie älter wurde, wurde sie zur Anführerin der Flugbienen, denn mit ihrer Erfahrung hatte sie den Jungbienen einiges voraus. So konnte sie die Welt erkunden, leistete ihren Beitrag zum Wohl des Volkes und lebte friedlich ihr Bienenleben. Viele Bienen erzählen sich noch heute von Honey und ihren Abenteuern, aber keine traute sich bisher mehr, auf eigene Faust die Welt zu erkunden. Zuhause ist es eben doch am Schönsten.

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Fotografen: Amel PhotographyDz, Davide Cadeddu, Aleksandr Gavrilychev